Diane Arbus

Diane Arbus (* 1923 New York; ? 1971 Greenwich, New York) war eine US-amerikanische Fotografin.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Kindheit

"Es ist irrational, daß man zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort mit einer bestimmten Geschlechtszugehörigkeit geboren wird. Es ist irrational, wie sehr man die äußeren Umstände verändern - oder eben nicht verändern kann. Die Vorstellung, dass ich reich und als Jüdin geboren wurde, ist Teil dieser Irrationalität. Wenn man aber als jemand bestimmtes geboren wurde, kann man es wagen, es riskieren, zehntausende andere Möglichkeiten durchzuspielen." Diane Arbus, Newsweek-Interview 1967

1923 wurde Diane Nemerov in New York geboren und wuchs in riesigen Wohnungen in der Park Avenue und am Central Park auf. Ihre Familie besaß das Pelz- und Modekaufhaus "Russeks" in der Fifth Avenue, neben Pelzen fanden dort auch Plagiate berühmter Modedesigner, wie Chanel, reisenden Absatz. Ihr Vater, aus eher ärmlichen Verhältnissen kommend, war der kreative Kopf in der Geschäftsführung. Weil er sich unter Druck fühlte sich ständig beweisen zu müssen mutierte er zum Workaholic, vernachlässigte seine Familie und hatte Affären. Ihre Mutter lebte sich in der Rolle als Dame des Hauses zwischen Telefonaten und Shoppingtouren vollkommend aus. Oft war sie selbst für ihre eigene drei Kinder unzugänglich. Die Erziehung überließ sie den Angestellten, jedes Kind hatte ein eigenes Kindermädchen. Eine sehr enge Bindung hatte Diane zu ihrem drei Jahre älteren Bruder Howard Nemerov, der später als Schriftsteller Ruhm erlangen sollte. Für ihre fünf Jahre jüngere Schwester Renée, die Erfolg als Bildhauerin und Innenarchitekt erzielte, spielte sie den Muttersatz. Diane Arbus wuchs sehr behütet in einem goldenen Käfig auf, dort wurde sie stets konditioniert zu gefallen und sich in ihre Rolle zu fügen.

Sie besuchte seit 1930 die Ethical Culture School, an der auch schon Lewis Hine unterrichtet hatte, und später die Fieldston School. Beide Schulen sind humanistischer Prägung. Ihre dort erkannte künstlerische Begabung wurde von ihrem Vater, David Nermerov, seit 1935 mit zusätzlichem Zeichenunterricht bei der Illustratorin von Russeks, Dorothy Thompson, gefördert. Thompson hatte bei George Grosz Malerei studiert und war für Diane wohl die erste Begegnung mit einer Bohème. Zeit ihres Lebens blieb Grosz der Lieblingsmaler von Arbus.1937 lernte Diane in der Kunstabteilung von Russeks den Angestellten Allan Arbus kennen und wollte ihn sofort heiraten. Aus diesem Grund schickten ihre Eltern sie im Sommer 1938 auf die Cummington Kunstschule. Hier traf sie ihre zweite große Liebe, Alex Eliot, den Urenkel des Havard-Präsidenten Charles W. Eliot, der 1947 den Posten des Fachredakteurs für Kunst bei Time von Walker Evans übernahm.

Die Vierziger und Fünfziger

"Eine Frau verbringt den ersten Teil ihres Lebens damit, einen Ehemann zu suchen und zu lernen, Frau und Mutter zu sein - [...] da hat man keine Zeit mehr andere Rollen zu spielen" Diane Arbus in einem Newsweek-Interview auf die Frage warum sie erst mit 38 richtig anfing zu fotografieren.

1941 heiratete Diane gegen den Willen ihrer Eltern mit 18 Jahren Allan Arbus. Sie hatte ihre Kindheit immer als unwirklich empfunden und wollte nur noch aus den Verhältnissen fliehen, in denen sie groß geworden war. Die Heirat war nicht nur die einzige Möglichkeit der Flucht, sie kam auch Diane Arbus Recht, da sie es haßte eigene Entscheidungen zu fällen. Sie war dafür bereit ihre eigenen Erwartungen zurückzustellen. Das Paar hat zwei Töchter, Doon (*1945) und Amy (*1954), mit denen Diane sehr viel Zeit verbrachte. Neben zwei Jobs als Verkäufer versuchte sich Allan Arbus auch noch als Fotograf. Eigentlich wollte er jedoch Schauspieler werden. Aufgrund der Verantwortung als Familienvater gab er diesen Traum jedoch auf. 1943 absolvierte Allan Arbus beim Fernmeldedienst der Armee eine Ausbildung zum Fotografen.

Mit ihrem Mann Allan Arbus machte sie sich 1946 als Modefotografen selbstständig. In diesem Jahr studierte Diane Arbus für kurze Zeit bei Berenice Abbott, die durch ihre New York Bilder Berühmtheit erlangt hatte und nun mit der Kamera Phänomene der Physik erforschte. Die ersten Aufträge erhielte das Paar von Vater Nemerov, der ihnen auch ein Teil ihrer Ausrüstung finanzierte. 1947 wurden sie bei Condé Nast vorstellig, dem Unternehmen, zu dem Modemagazine wie Glamour und Vogue gehören, und sie wurden mit einer Serie über Pullover beauftragt.

Die Arbeitsaufteilung sah so aus, dass Allan, der technisch versiertere, fotografierte, während Diane, die Kreative, für Konzeption, Modellwahl und Styling verantwortlich war. Die Komposition entstand in Absprache. Da sie bei der Arbeit so vertraut und harmonisch miteinander wirkten, kursierte unter Kollegen das Gerücht sie seien Cousin und Cousine.

Die Modefotografie orientierte sich nach dem Krieg mit ihren Farbnuancen und der Lichtführung sehr stark an der Malerei. Diese Erwartung an ihre Arbeiten und der übliche Drogenmißbrauch in der Szene, hielten Diane und Allan Arbus immer auf Distanz zu ihrer Branche. Am liebsten arbeiteten sie ganz unkonventionell mit ungeübten Modellen zusammen. Hin und wieder versuchten sie auch mit den Konventionen einer üblichen Modeaufnahme zu brechen.

1951 verbrachte die Familie Arbus ein Jahr in Europa. In diesem Jahr lernte Diane Arbus über die vielfältigen sinnlichen Eindrücke, die auf sie einprasselten, das fotografischen Sehen. Neben ihren Reisen nach Spanien und Italien, bearbeiteten sie für die Vogue einen Auftrag in Paris.

Mitte der Fünfziger lernt Diane Arbus über ihrer Freund, den Maler Marvin Israel, Richard Avedon kennen. Avedon war schon damals eine Ikone unter den Werbefotografen, und bestimmte in den Fünfzigern und Sechzigern mit seinem Einfallsreichtum das Erscheinungsbild von Harper's Bazaar. Zeit ihres Lebens bleiben sie sehr enge Freunde und gegenseitige Bewunderer. Ein weiterer Freund, den sie in dieser Zeit kennenlernt ist der Fotograf Robert Frank, der ein Anhänger der Schnappschuss-Ästhetik war.

Kurz vor Amys Geburt stellten die Arbs, wie sie damals bezeichnet wurden, den damals achtzehnjährigen japanischen Fotografen Tod Yamashiro als Assistenten ein. Er blieb bis zum Ende des Studios 1969. Die erfolgreichsten Jahre des Studios begannen 1955. Sie machten Titelaufnahmen für Glamour und Seventeen, gehörten zum Redaktionsstab der Vogue und erhielten nun auch lukrative Werbeaufträge von Werbefirmen wie Young&Rubicam.

Schon in ihrer Kindheit litt Diane Arbus immer wieder unter schweren Depressionen, wie der Rest ihrer Familie auch. Mit zunehmender Unzufriedenheit über ihren Job und ihre Ehe verstärken sich die Depressionen zusehends. Allan, den sie später als ihren ersten Lehrer bezeichnete, unterstützte sie in ihrer freien Arbeit, aber schien sie auch sehr oft zu bevormunden. Nach einem erneuten psychischen Zusammenbruch 1957 entschlossen sich beide sich beruflich zu trennen. Diane wollte sich mehr ihrer eigenen Arbeit zu widmen und Allan führte das Studio weiter, nahm aber nebenbei Schauspielunterricht. Der beruflichen Trennung folgte ein Jahr später auch die Private. Sie bleiben weiterhin miteinander befreundet. Erst 1969, als Allan wieder heiratete, ließen sie sich scheiden.

Von allen Zwängen befreit, versuchte Diane Arbus ihr Thema zu finden. Aber es fiel ihr sehr schwer ihre Schüchternheit zu überwinden und Fremde anzusprechen. 1957 besuchte sie daher einen Workshop bei dem Art Director von Harper's Bazaar, Alexey Brodovitch. Dieser Workshop brach sie später unzufrieden ab. Im Jahr darauf absolviert sie einige Workshops bei Lisette Model an der New School. Lisette Model, österreichische Porträtfotografin, war Anfang der vierziger mit ihren Porträts über Nacht berühmt geworden. Auch sie suchte in ihren Motiven das Extreme. Als Folge dieses Unterrichts verließ Arbus das Themenspektrum indem sie sich bisher bewegt hatte und entdeckte in New York Lokalitäten, wie Hubert's Museum, einen Gauklerkeller, und den Transvestitentreff Club 82. Hier fand sie ihre ersten Modelle, die sie wiederum mit anderen Exentrikern bekannt machten. "Lisette befreite mich von meinen bürgerlich-puritanischen Vorurteilen. Fotografien, die Bewunderung verdienen, haben die Kraft aufzuschrecken.", sagte Diane Arbus einmal.

Ende der fünfziger Jahre wurde Diane Arbus mit ihren freien Arbeiten bei einigen Magazinen vorstellig. Den Karrierestart gelang ihr auch mit dem Ruf, den sie sich schon als Modefotografin erworben hatte.

Die Sechziger Jahre - Magazinarbeit

"Einer Arbus eine Kamera zu geben ist dasselbe, als würde man ein Kind mit einer scharfen Handgranate spielen lassen" Norman Mailer, amerik. Schriftsteller, 1963, beim Anblick seines Portaits

Zwischen 1960 und ihrem Tod 1971 verdiente Diane Arbus hauptsächlich ihren Lebensunterhalt als freie Fotoreporterin für verschiedene Magazine, wie viele ihrer Kollegen auch. Andere Möglichkeiten, als Fotograf sein Leben zu bestreiten, z.B. durch Fotobände, waren damals fast unmöglich. Galerien und Museen hatten die Fotografie zum größten Teil noch nicht entdeckt oder definierten dem Begriff der Fotokunst ziemlich rigide. Viele Fotografen führten daher zu dieser Zeit ein Leben mit einem Doppelstandard: Ihren Lebensunterhalt verdienten sie nach den Vorgaben und Maßstäben der Agenturen und Zeitschriften. Die Arbeiten, die ihrem eigenen Anspruch gerecht wurden, entstanden am Wochenende.

Diane Arbus war eine der wenigen die diesen unterschiedlichen Qualitätsanspruch niemals duldete und die gegenüber ihren Auftraggebern ihren Stil durchzusetzen wußte. Einige ihrer besten Arbeiten sind bei ihren kommerziellen Aufträgen entstanden. Unter anderem auch deshalb, weil einige ihrer interessantesten Motive für sie nur mittels eines Presseausweises zugänglich wurden. Bei vielen Magazinen war gerade in den sechziger Jahren eine Bereitschaft zum Experiment vorhanden. Man scheute sich nicht den Inhalt, den Charakter und die Bandbreite des jeweiligen Magazins zu hinterfragen und neu zu definieren. Dies öffnete gerade für Fotografen wie Diane Arbus einen neuen Markt. Eine regelmäßige Zusammenarbeit hatte Diane Arbus mit Esquire, das gerade den Wandel von literarischen Stories zu Reportagen aus der zeitgenössischen Szene vollzog, und Harper's Bazaar, das schon eine Tradition in innovativen Design vorweisen konnte. Weitere Magazine, die Fotos von ihr veröffentlichten waren unter anderem New York, Show, Glamour, Essence, Harper's, New York Times, Holiday, Sports Illustrated, Herald Tribune (New York), New York Times Book Review und Saturday Evening Post. Nach ihren ersten beiden Aufträgen für Esquire (1960: Eine vertikale Reise) und Harper's Baazar (1961: Die Vollendung des Kreises) erschienen in den elf Jahren ihrer Tätigkeit mehr als 250 Aufnahmen in über 70 Zeitschriftenartikeln. Oft wirkte Diane Arbus auch noch an den Texten mit. Hauptsächlich waren darunter Aufnahmen von den Reichen und Schönen, aber auch ihre Exentriker setzten sich in den Redaktionen der Zeitschriften durch. Und selbst die Aufnahmen der Reichen und Schönen wirkten oft exzentrisch.

Im Laufe der Jahre führte ihr gleichbleibender Stil dazu, dass sie vermehrt gezielt für bestimmte Aufträge von ihren Redakteuren angesprochen wurde. Andererseits wurden andere Projekte aber auch erst gar nicht an sie herangetragen, weil sie ihres Talentes nicht würdig waren (z.B. Aufnahmen von Politikern) oder man annahm sie würden ihren Neigungen nicht entsprechen. Dies führte zu einer Einschränkung der Bandbreite ihrer Themen. In den Jahren 1963 und 1966 wurden ihre freie Arbeiten durch die Guggenheim Fellowships unterstützt. 1967 wurde die Ergebnisse dieser Jahre zusammen mit Arbeiten von Lee Frielander und Gerry Winogrand in der Ausstellung "New Documents" im Museum of Modern Art der Öffentlichkeit präsentiert. Trotz des Aufsehens, das die Ausstellung auslöste, verbesserte sich die finanzielle Situation von Diane Arbus nicht sonderlich. Jedoch wurde der Art Director der britischen Zeitschrift Sunday Times Magazine, Michael Rand, auf sie aufmerksam. Ab 1968 arbeitete Arbus regelmäßig mit Rand und dem stellvertretenden Herausgeber, Peter Crookston, an Stories für das Magazin. 1969 verließ Crookston Times und wurde Herausgeber des Magazins Nova. Beide Zeitschriften finanzierten 1970 gemeinsam einen Englandaufenthalt von Diane Arbus. Zu dieser Zeit, wo das Interesse anderer Magazine an Arbeiten von Diane Arbus auf Grund von Personal- oder Profilwechsel nachließ, hatte sie in dem Sunday Times Magazine und Nova enthusiastische Auftraggeber und Förderer gefunden. Den Rückgang von Aufträgen versuchte Diane Arbus durch andere Projekte auszugleichen. So verschaffte sie sich 1969/70 den Auftrag eine Ausstellung im Museum of Modern Art zum Thema Fotojournalismus vorzubereiten und nahm zusätzlich Lehrtätigkeiten an der Cooper Union, Parsons und an der Rhode Island School of Design an.

In diesem Jahr zog sie in eine neue Künstlerkolonie an den Hudson River Docks, Westbeth, ein. 1970 begann sie mit ihrer Serie über behinderte Menschen. Im gleichen Jahr erhielt sie den Robert Lewitt-Preis der American Society of Magazine Photographers. Seit ihrer Hepatitis 1966 und 1968 verstärkten sich ihre Depressionen wieder zusehends. Trotz zweijähriger Therapie kamen die Anfälle in immer kürzeren Abständen wieder. Lisette Model sagte einmal ihrer Meinung nach litt Diane Arbus unter einer Art Schizophrenie. Die Ursache dieser Krankheit könnte in den obzessiven, nicht einlösbaren Erwartungen liegen, die sie an sich selbst stellte. Am 26. Juli 1971 nahm sich Diane Arbus das Leben.

1972 wurde Diane Arbus als erste amerikanische Fotografin überhaupt auf der Biennale in Venedig ausgestellt. Im gleichen Jahr veranstaltete das Museum of Modern Art mit großen Erfolg eine Diane-Arbus-Retrospektive.


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Über ihre Bilder

Für Howard war das fotografische Sehen die Antithese (schuldig) vom Schreiben (unschuldig).

Seit 1962 verwendete Diane Arbus eine Rolleiflex, was dazu führte das sich die Negative von 35mm auf 6x6cm vergrößerten. Dieses passive, quadratische Format schien besser ihrer direkten zentrierten Kompositionsweise zu entsprechen und das Negativ gab auch mehr Detailfülle her. Diane Arbus orientierte sich bei ihrer Arbeit an der Arbeitsweise im Studio: Die Kamerawahl, die Ausleuchtung des Objekts und die streng durchdachte Komposition widersprechen dem Bild des im richtigen Moment eingefangenen Schnappschussfotografen. Ihre Bilder mit den ungewöhnlichen Einstellungen von Licht und Schatten behalten trotz der gestellten Szene eine gewissen Schnappschuss-Ästhetik und stehen damit im Gegensatz zur Stieglischen Philosophie des perfekten Abzugs.

WebLinks

Literatur



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