Ethnographische Fotografie

Als ethnographische oder auch anthropologische Fotografie bezeichnet man eine Anwendung der Fotografie zur Unterstützung oder Ergänzung ethnologischer oder anthropologischer Forschungen.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte und Entwicklung

Die Urspünge der ethnografischen Fotografie finden sich in der Reisefotografie, die sich bereits in den ersten Jahren der Fotografie entwickelt:

"Die koloniale Durchdringung der überseeischen Welt und die neuen Verkehrsmittel setzten ab Mitte des vorigen Jahrhunderts verschiedene Reisende in den Stand, ihre wissenschaftlichen, geschäftlichen oder auch nur touristischen Reisen zu verwirklichen. Dabei gehörte für viele die fotografische Ausrüstung zum unverzichtbaren Bestandteil ihres Gepäcks" (Thomas Theye: Der geraubte Schatten - Eine Weltreise im Spiegel der ethnographischen Photographie, 1989, S. 25).

Frühe anthropologische Fotografien finden sich bereits 1872 in Charles Darwins Buch The Expression of Emotion in Man and Animals, das einige Bilder von Oscar G. Rejlander enthält. Ebenfalls in diese Zeit fallen die zahlreichen Expeditionen zur Erkundung der westlichen Territorien der USA sowie des Nahen und Mittleren Ostens -- also in die Region des heutigen Israel, Palästinas , Syriens und Ägyptens sowie des indischen Subkontinents -- und der Kolonien; auf diesen Fernreisen wurden nicht nur die menschlichen Artefakte fotografisch festgehalten, sondern auch die Sitten und Gebräuche der (Ur-) Einwohner dokumentiert.

Beispielsweise fotografierte der Brite John Thomson Anfang der 1870er Jahre in Kambodscha, Malaya und China; er veröffentlichte eine Auswahl seiner Fotografien in dem vierbändigen Werk Illustrations of China and Its People (London 1873). In den USA fotografierte der Buchhändler Adam Clark Vroman zwischen 1895 und 1904 eine Dokumentation über die Indianer des amerikanischen Südwestens.

Als anspruchvollste ethnographische Fotodokumentation der Jahrhundertwende gilt jedoch das Lebenswerk Edward S. Curtis, der mit finanzieller Unterstützung des Bankiers John Pierpont Morgan die Monografie The North American Indian schuf, die aus jeweils zwanzig Text- und Bildbänden mit Fotogravüren besteht und zwischen 1907 und 1930 veröffentlicht wurde.

Gemeinsames Kennzeichen dieser frühen anthropologischen und ethnografischen Fotografie ist der Glaube an die Präzision und die unzweifelhafte Genauigkeit der Fotografie – Skepsis gegenüber dem Wahrheitsgehalt der Fotografie kommt erst später auf.

"Die Fülle an Abbildungen in wissenschaftlichen Berichten um die Jahrhundertwende steht in deutlichem Gegensatz zu heutigen ethnologischen Publikationen, in denen Beweise und Belege eher durch Diagramme, Kurven und statistische Zahlenangaben geliefert werden" (Markus Schindlbeck: Die ethnographische Linse - Photographien aus dem Museum für V ölkerkunde Berlin, 1989, S. 9).

Zu den neueren Vertretern einer kritischen ethnographischen Fotografie zählt beispielsweise Claude Lévi-Strauss, der seinen Bericht Traurige Tropen über die Indianervölker in Brasiliens Mato Grosso mit zahlreichen Fotografien illustrierte.

Siehe auch

Literatur

Beispiele für anthropologische und ethnografische Fotografie:

Weblinks



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