Tomi Ungerer, Jean Thomas Ungerer, (* 28. November 1931 in Straßburg, Elsaß / Frankreich) ist ein international bekannter Grafiker und vor allem Illustrator von Bilderbüchern für Kinder und Erwachsene.
Vita
Sein Vater Théodore ist der Familientradition nach ein Uhrenmacher, der u.a. die Uhr der Straßburger Kathedrale wartet, darüber hinaus aber auch ein Künstler und Historiker. Ungerers Mutter Alice, geb. Essler, stammt aus einer oberrheinischen Industriellenfamilie. Er lernt seinen Vater nie kennen, er stirbt, als Tomi Ungerer erst drei Jahre alt ist. Später wird er einige Bilderbücher ausdrücklich vierjährigen Kindern widmen. 1956 wandert Ungerer nach Amerika aus, wo er in New York als Zeichner, Maler, Illustrator, Kinderbuchautor und Werbegrafiker arbeitet. Bereits 1957 kann er den Kontakt mit seinem späteren Hausverlag, dem Zürcher Diogenes Verlag knüpfen. Trotz einer liberalen Aufbruchsstimmung in den USA stoßen seine satirischen und erotomanischen Zeichnungen dort auf immer mehr Kritik. Er verläßt 1971 New York nach vierzehn Jahren intensiver Arbeit und sucht nun die ländliche Ruhe und Inspiration auf einer Farm im kanadischen Neuschottland. Nach der Arbeit am "großen Liederbuch" (1975) treibt ihn das Heimweh wieder zurück nach Europa. Seit 1976 lebt er mit seiner Familie abwechselnd im Südwesten Irlands und in Straßburg. In den letzten 40 Jahren brachte der workaholic rund 40 000 Zeichnungen zu Papier und veröffentlichte über 140 Bücher. In etwa 100 Ausstellungen ab 1979 waren seine Werke zu sehen.
Auszeichnungen
Von den vielen Auszeichnungen, die er im Laufe seines Lebens erhielt, seien hier nur einige erwähnt: 1983 den Jacob-Burckhardt-Preis der Johann-Wolfgang-Goethe-Stiftung in Basel, 1992 Ernennung zu den "500 World Leaders of Influence" durch das "American Biographical Institute", 1993 das deutsche Bundesverdienstkreuz, 1995 der französische "Große Nationalpreis für Graphik", 1998 den internationalen Hans-Christian-Andersen-Preis, 2001 die Ernennung zum Offizier der franz. Ehrenlegion, 2004 die Ehrendoktorwürde der Universität Karlsruhe [1] (http://www3.uni-karlsruhe.de/Uni/puk/pm_1639.html) [2] (http://www3.uni-karlsruhe.de/fs/Uni/puk/pm_1625.html).
Werke
In Straßburg befindet sich seit 2001 das «Centre Tomi Ungerer» (http://www.musees-strasbourg.org/F/tomi.html). Die Museumssammlung gründet sich auf eine Schenkung des Künstlers mit seinem grafischen Lebenswerk (7.000 Zeichnungen, 2.000 Plakate und Grafiken etc.) sowie einer großen Spielzeugsammlung, dem Familienarchiv, Presseartikeln und Fotografien.
Bilderbücher für Kinder
In mehr als 80 Kinderbüchern hat Ungerer immer sehr einfühlsam und liebenswürdig Partei für die Rechte der Kinder auf Eigenständigkeit, Neugierde und Selbstverwirklichung ergriffen.
- Die drei Räuber (1963)
- Crictor die gute Schlange (1963)
- Sechs kleine Schweine (1963)
- Der Mondmann (1966)
- Warwick und die 3 Flaschen (1967)
- Vieles gibt's, das jederzeit vier Jahre alte Kinder freut (1969)
- Zeraldas Riese (1970)
- Der Bauer und der Esel (1971)
- Der Zauberlehrling (1971)
- Der Hut (1972)
- Das Biest des Monsieur Racine (1972)
- Papa Schnapp und seine noch-nie-dagewesenen Geschichten (1973)
- Ein Kuss für Mutter (1974)
- Allumette (1974)
- Tomi Ungerers Märchenbuch (1975)
- Emil, der hilfreiche Tintenfisch (1980)
- Rufus, die farbige Fledermaus (1980)
- Otto. Autobiografie eines Teddybären (1999) ISBN 3257008570
- Die blaue Wolke (2000) ISBN 3257008678
Bilderbücher für Erwachsene
Die gleiche Entschiedenheit, mit der er sich für die Bedürfnisse und Interessen der Kinder einsetzt, offenbart Ungerer auch in seinen sexuellen Phantasien und Satiren. Die Radikalität seiner Visionen und Obsessionen wird nur durch die Schönheit seiner Aquarellierung und der Harmonie seiner stets leichten und beschwingten Linienführung gemildert.
- Tomi Ungerers Weltschmerz (1961)
- Basil Ratzki (1967)
- Tomi Ungerers geheimes Skizzenbuch (1968)
- The Party (1969)
- Fornicon (1970)
- Tomi Ungerers Kompromisse (1970)
- Der Sexmaniak (1971)
- Ho Ho Hochzeit (1971)
- The Poster Art of Tomi Ungerer (1972)
- Der Spiegelmensch (1973)
- Adam & Eva (1974)
- Freut euch des Lebens (1975)
- America (1975)
- Totempole (1976)
- Kamasutra für Frösche (1982)
- Der Furz. [Vom Urknall bis heute. Die seit Menschengedenken umfassendste Dokumentation des Furzens], zsgest. und komm. von Alfred Limbach, ill. von Tomi Ungerer, hrsg. von Robert Pütz. Köln: Argos Press (1980) 142 S., Ill., z.T. farb.
Für alle
- Das große Liederbuch. 185 deutsche Volks- und Kinderlieder. (1975) ISBN 3-257-00947-X
Ungerer beschwört hier ein mythisches und ideales Elsass mit Feldarbeit, häuslichen Szenen, Landschaften und Dörfern, ähnlich im Stil von Gustave Doré, dem Straßburger Maler, Grafiker und Illustrator und von Ludwig Richter.
- Die Gedanken sind frei. Meine Kindheit im Elsass. (1993) 142 S., zahlr. Ill.
- Es war einmal mein Vater. (2003) 144 S. ISBN 3-257-02080-5
Medien
- Wieland Backes (1990): Tomi Ungerer mit Alexa Franke, Germain Muller, Roger Siffer und seinen Freunden [Bildtonträger]. Regie: Brigitte Dimter. Stuttgart : Süddt. Rundfunk, 1 Videokassette [VHS] 93 Min.: farb.
- Percy Adlon (1997): Mann vor wilder Landschaft (http://archives.arte-tv.com/thema/19971125/dtext/prg/toc.html). Ein Tag bei Tomi und Yvonne Ungerer in Irland . Regie: Percy Adlon. Mit Tomi Ungerer. ARTE / pelemele Films GmbH. 1 Videokassette [VHS] 117 Min.: farb., Mono.
- Stefan Kurt liest Tomi Ungerer (2000): Kein Kuss für Mutter, Flix, Der Hut. [Tonträger]. Regie: Angelika Schaack. Hamburg: Hörcompany. 1 Tonkassette 37 Min. ISBN 3-935036-15-9
Sekundärliteratur
- Wilhelm Hornbostel (Hrsg.): Tomi Ungerer. Zwischen Marianne und Germania [anläßlich der gleichnamigen Ausstellungen im Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg 19. Dezember 1999-13. Februar 2000, und im Deutschen Historischen Museum, Berlin 16. März-13. Juni 2000]. München: Prestel, 1999, 109 S., überw. Ill.
- Willer, Thérèse (2003): Tomi Ungerer, the "Picasso" of caricature, Graphis. The international journal of design and communication, Vol. 59, No. 348, p. 18 - 37.
Weblinks
Zitate
- Tomi Ungerer über seine Eltern:
Mein Vater hat sie gezeichnet wie einen Vamp. Und hat sie auch fotografiert. Das hing alles zusammen, alles zusammen.
- Über das Elsass:
Man muss sich fragen, ob das Elsass nicht direkt vom Mittelalter im Rentenalter gelandet ist, das schneckenhafte elsässische Wesen.
- Jedoch leidet der Elsässer immer noch unter Unsicherheitsgefühlen und einer zerspaltenen Identität. Was bin ich? Durch das Pendeln zwischen zwei Mächten haben wir genug Zweifel, um gut zu vergleichen. Die Relativität füttert unseren Humor, einen Humor (wie das Jüdische oder Irische) der Minorität. [...] Mein elsässischer Humor hat mir geholfen, meinen inneren Zorn, Ekel und Verdruß zu überwinden und die Menschen zu respektieren und zu mögen, solange sie ihre Arroganz unterdrücken.
(in: Hornbostel 1999, 7)
- Ich war immer an Vögeln interessiert - und auch am Vögeln, beides.
- Ich habe kein Abitur gehabt. Ich bin sogar per Anhalter nach Karlsruhe gegangen, um zu wissen, ob ich da Mineralogie und Geologie studieren könnte. Nein, ohne Abitur war das nicht möglich. Und jetzt bin ich von der gleichen Universität als doctor honoris causa. Es ist unglaublich.
fr:Tomi Ungerer
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